Sonntag, 11. Februar 2018

Bemächtigung eines Doppeldeckers

STAMPE SV4C N° 415 Baujahr 1946
Auf der Rückfahrt vom Kustfluglehrgang an der Flugschule Strößenreuter in Speichersdorf erfuhr ich von meinem Freund und wingman Werner, daß es in Bremen eine kleine Gruppe von Enthusiasten geben soll, die sich einen alten Doppeldecker an Land gezogen haben. Es war überraschend, daß diese Truppe eigentlich noch offen war für ein weiteres Mitglied, weil die Kaufsumme bisher noch nicht komplett dargestellt war. 

Also machte ich mich auf den Weg nach Bremen und suchte diese Leute auf. Ich hatte einen vorbereiteten Haltergemeinschaftsvertrag dabei. Es stellte sich heraus, daß diese Gruppe sehr inhomogen in ihrer Kultur und Zusammensetzung war. 

Einerseits gab es den Eckhard Stolzki, ein Oldtimerpilot und selbstherrlicher Showflieger, der dieses Fluzeug, eine STAMPE SV4C aus 1946 gerne zu Flugschauen fliegen möchte. Er selbst aber mittellos und angewiesen auf das Geld eines Japanrestaurantbesitzers und einer Hand voll Enthusiasten die eher am Anfang ihrer fliegerischen Karriere standen. 

Also machte ich klar, daß es eine Haltergemeinschaft mit mir geben kann, die nach den Regeln der Fliegerei jeden ausbildet, der Fähigkeiten und Lust dazu hat und ansonsten eben nicht nur als privates Nutzungskonstrukt von Herrn Stolzki sein kann, der mit den Worten: „ wenn die da auch fliegen wollen, dann laß ich die erst mal auf dem Bullenrücken reiten, bis ihnen die Lust vergeht (hämisches Lachen...)“

Das war ja nun garnicht in meinem Sinne, mit frisch erworbener Kunstflugausbildung in der Tasche und Verantwortung als Segelfluglehrer war mir die eigenhändige Nutzung dieses wunderschönen alten Fluggeräts das erste Ziel.


Also habe ich jedem einzelnen der Gruppe meinen Haltergemeinschaftsvertrag vorgelegt, alle haben ihn unterschrieben bis auf den Herrn Stolzki, der jetzt nicht mehr seine Monopolstellung als einziger Pilot diese Flugzeugs gesichert sah und mit dem Unterzeichnen des Vertrags aller Mitglieder außer Stolzki hatten wir nun ein Flugzeug, dessen Flugeigenschaften nur aus Überlieferung bekannt war und diese Erfahrung innerhalb der neuen Haltergemeinschaftsgruppe nicht vorlag. 

Also machte ich mich dran. Ich habe zunächst das Flugzeug besichtigt. Habe die notwendigen administrativen Aufgaben erledigt. Eine Halterhaftpflicht Versicherung abgeschlossen. Die Ummeldung in der Luftfahrzeugrolle erledigt und mich intensiv im Markt umgesehen um einen erfahrenen Piloten oder zumindest Einäugigen unter den Blinden Flugzeugführern zu finden, der Erfahrung mit diesem Flugzeugmuster vorzuweisen hat und der diese im Rahmen einer Einweisung an mich weiter vermitteln könnte.

Ich hatte auch einen viel beschäftigten Fluglehrer gefunden, der dann aber aus Terminüberschneidungsgründen am tatsächlich geplanten Wochenende doch verhindert war. 

Und so stand ich nun in Bremen am Flughafen, hatte ein versichertes und zugelassenes Luftfahrzeug und keinen der mir zeigen konnte wie man damit umgeht.

Schließlich ergab sich kurzfristig doch noch ein Kontakt in der Nähe von Bremen. Ein Rentner, der behauptete er könne eine Einweisung mit diesem Flugzeug anbieten und äußerte am Telefon, ob ich denn eine Fliegerkombi für ihn hätte weil das Flugzeug ja schließlich offen sei. Das konnte ich bestätigen. Er würde dann zum Flugplatz kommen, meine Fliegerkombi ausleihen und erst mal drei Platzrunden alleine absolvieren um sich sozusagen wieder ein entsprechendes Feeling für das Flugzeug zu verschaffen um dann anschließend mit mir die Einweisung zu fliegen. In einem Nebensatz behauptete der Gute, „... ist ja kein Problem mit der STAMPE, die hat ja einen gesteuerten Sporn und das macht ja das Manövrieren am Boden recht einfach.“

Ich war entsetzt. Der Gute war wohl schon im senilen Stadium, denn: unser Flugzeug, die STAMPE, hat keineswegs einen gesteuerten Sporn sondern einen Nachlaufsporn, völlig frei, um 360 grad zu drehen und dies machte mir sehr deutlich klar, daß der Senhor Einweiser wohl weniger Ahnung als ich selbst hatte. 

Mit den Worten: „Kollege, ich hol dich dann ab!“ habe ich das Telefonat beendet und meinen Entschluss gefaßt mich selbst zu ermächtigen und dieses Flugzeug zum persönlichen Jungfernflug zu besteigen.

Zunächst einmal ging es darum den Motor zu starten. Es gab in der Gruppe keinen, der wirklich genau wußte, wie das geht. Lediglich Peter, der hatte schon mal zugesehen wie Eckhard diesen Motor per Pressluft gestartet hat. Doch der Druck war weg, die Flasche wohl undicht. 

Mit gewissen Diskussionen und plausiblen Überlegungen haben wir dann das Problem gemeistert. Startpilot in den Vergaser, per Hand - hau Ruck, am Prop angerissen - kotzt - läuft. boah-eigh. plopp-plopp-plopp. 

Ich hatte Gelegenheit in einer längeren Übungsphase das alte Mädchen auf dem Vorfeld des Bremer Verkehrsflughafens zum Erstaunen der Linienpiloten und Passagiere hin und her, langsam und schnell zu Rollen und mittels der Einzelrad-Trommelbremsen am Hauptfahrwerk zu manövrieren. 

Eine Stunde Erfühlen, Ertasten, Erspüren. Zuletzt auch einige Anläufe mit kurzem Anliften des Schwänzchens und wieder Absetzen, mit beherrschtem Geradeauslaufen beim Ausrollen. Nicht einfach.

Ich unterbrach mein Exerzieren und machte einen Plan. Ich bat meine Kollegen zu überlegen wer mich auf dem Jungfernflug begleiten möchte und suchte mir einen Flugplatz in der näheren Umgebung aus, dessen Start- und Landepiste möglichst genau in Windrichtung verlief, keinen Hartbelag besaß sondern Grasbewachsen war und eine ausreichend großzügige Bahnlänge besaß. Die Wahl fiel auf Oldenburg-Hatten.

.... wie die Sache weitergeht steht vielleicht im nächsten Posting auf diesem Blog, aber bestimmt in der nächsten eBook-Veröffentlichung der Reihe: Wasser-, Luft- und andere Miniaturen, Monographie in Bearbeitung